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Home Kolumnen Interviews und Gespräche

Marihuana ist überhaupt nichts Schlimmes

von Jan Marot
07.07.2017
in Interviews und Gespräche
Lesezeit: 13 Minuten
Guillermo Velasco Díez
⏱ 17 Min. Lesezeit·3.229 Wörter
Teilen:WhatsAppFacebookXLinkedInE-Mail

„Wir werden mindestens noch fünf bis sechs Jahre warten müssen, bis THC als Heilmittel beim Glioblastom-Hirntumor nach klinischen Studien genehmigt wird“, sagt der spanische Universitätsprofessor, Molekularbiologe und Krebsforscher Guillermo Velasco Díez. Gemeinsam mit Dr. Manuel Guzman an der Madrider Complutense Universität konnte das Team in Versuchen an Mäusen nachweisen, dass das psychoaktive Cannabinoid Tumorzellen zum Selbsttod zwingt und deren Wachstum sowie die Metastasierung hemmt: „Es muss aber nicht sein, dass das, was bei Mäusen wirkt, zwangsläufig auch beim Menschen wirkt“, mahnt er zur Vorsicht vor voreiliger Euphorie. Patienten rät er, keinesfalls die Chemotherapie abzubrechen, um alternative Methoden zu testen. Gegen eine Kombination mit THC unter ärztlichem Beirat spreche jedoch nichts.

Interview mit Guillermo Velasco Díez

Hanf Magazin: Was hat Ihr wissenschaftliches Interesse an Cannabinoiden geweckt?

Guillermo Velasco Díez: Zum einen war es natürlich, dass ich bereits in einem Labor arbeitete, wo geraumer Zeit an Cannabinoiden geforscht wurde (Anm. Velasco hat bei Dr. Manuel Guzman dissertiert und forscht mit ihm im Team). Konkret an den Wirkungsmechanismen von Cannabinoiden. Und das hat mich sehr interessiert, weil es ein System war, das weniger untersucht ist als andere. Als ich dann erkannte, dass diese einen therapeutischen Nutzen haben können, wie im Falle von Krebs, fokussierte ich meine Forschung darauf. Und unser Arbeitsmodell zugleich auch, das wir stets daraufhin verstärkten und wo wir mit voller Energie forschen.

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Hanf Magazin: Konzentrieren Sie sich in Ihrer Arbeit primär auf die bekanntesten der Cannabinoide, eben THC und CBD, oder haben Sie auch andere der knapp hundert Inhaltsstoffe dieses Typs im Visier?

Guillermo Velasco Díez: Ehrlich gesagt forschen wir vorwiegend an THC und auch am CBD. Primär ist es das THC, das Delta-9-Tetrahydrocannabinol, das uns interessiert und wie dieser Stoff sich auf Krebszellen und deren Wachstum auswirkt. Mit CBD (Anm. Cannabidiol) haben wir einige Studien betrieben, wenngleich hier der Mechanismus nicht so ganz klar ist, wie beim THC, dessen Wirkung über die Rezeptoren CB-1 und CB-2 gründlich erforscht ist. Auch dank Studien zu rekreativem Konsum, aber auch etwa zu Schmerz, neurodegenerativen Erkranken und anderen Pathologien. Wir sehen, dass auch CBD in der Krebsbehandlung seine Bedeutung haben kann. Zudem haben wir natürlich auch die Kombination der Stoffe THC und CBD in dieser Materie untersucht.

An den anderen Cannabinoiden der Pflanze haben wir nur sehr wenig geforscht. Aber da sind wir nicht allein, ganz generell hat man bisher sehr wenig Wissen zu diesen erhoben. Hier fehlt noch ein großes Stück Forschungsarbeit, auch um zu verstehen, was bei der therapeutischen Einnahme von Cannabis geschieht. Es gibt viele Hypothesen, aber keine aussagekräftigen Studien, sei es zu den Terpenen der Cannabispflanze oder eben das Cannabigerol (Anm. kurz CBG). Darüber weiß man wenig, aber man kann nicht alles hier bei uns am Institut erforschen (lacht), darum haben wir uns auf das THC und in geringerer Weise auch auf das CDB konzentriert.

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Autophagie

Hanf Magazin: Und was sind Ihre bisherigen Ergebnisse?

Guillermo Velasco Díez: Wir forschen schon sehr lange Zeit an diesen Cannabinoiden. THC und anderen Agonisten (Anm. Wirkstoff, der körpereigen sein kann, aber pharmakologisch als Transmitter eine ähnliche Wirkung erzielt) des Stoffes auf der Rezeptorenebene. Sprich, wo und wie das THC von den Zellen aufgenommen wird, wie die Molekülketten in die Zellen gelangen und was sie dort bewirken. Was wir nachvollziehen konnten, ist, wie der Stoff THC in Tumorzellen den sogenannten programmierten Zelltod bewirkt. Eine Form davon ist die Apoptose. Dabei forschten wir am Glioblastom, einem sehr aggressiver Hirntumor. Wir fanden heraus, dass die Aktivierung von THC über die Rezeptoren eine Kettenreaktion in den Krebszellen auslöst. Bildlich gesprochen ist es ein regelrechter Wasserfall an Reaktionen (Anm. siehe Fotos), der zu guter Letzt zur Autophagie führt.

Wo sich die Zelle gewissermaßen selbst verschlingt, wenn man so will. Manchmal führt dieser Prozess zum Zelltod der Krebszelle, manchmal bewirkt es aber auch einen Schutzmechanismus. Aber im überwiegenden Teil der Versuche an Mäusen, die wir machten, führt THC zum Zelltod der Krebszelle, wie wir belegen konnten. Das ist eine Facette, denn wir haben auch versucht, eine mögliche Cannabinoidtherapie für Tumorpatienten zu optimieren. Dafür forschten wir an möglichen Widerstandsmechanismen gegenüber dem Cannabinoid, die Krebszellen aufweisen können. Denn wie wir sehen, haben die Tumorzellen Verteidigungswaffen gegen THC. Unser Anliegen war und ist es hier, Wege aufzuzeigen, um ebendiese zu schwächen, und den Effekt von THC zu steigern.

Hanf Magazin: Sie forschen auch an der Wirkung der Kombination von THC und gängigen pharmakologischen Chemotherapien …

Guillermo Velasco Díez: … exakt, das ist der dritte Pfeiler unserer Forschungen. Hier untersuchen wir wie die gemeinsame Verabreichung von Anti-Tumor-Medikamenten, meist ein Cocktail mit Stoffen, wie Temozolomid, die durch die Unterstützung von THC in ihrer Wirkung optimiert werden können. Temozolomid ist aktuell die Referenz bei der Behandlung von Hirntumoren. Die Ergebnisse auf allen drei Forschungsebenen sind allesamt sehr vielversprechend.

Hanf Magazin: Welche Mischung liefert bisher die besten Ergebnisse? Welches Verhältnis, etwa von THC und CBD?

Guillermo Velasco Díez: Wir haben THC allein getestet und die Kombination THC und CBD, die im Verhältnis 1:1 fast dieselbe Wirkung erzielt, wie THC für sich allein. Dadurch kann man die Dosis des psychoaktiven THC senken. In Versuchen an Labormäusen haben wir ein sehr breites Spektrum von THC verabreicht. Von 7,5 Milligramm pro Kilo Lebendgewicht, bis zu 45 Milligramm pro Kilo, was eine Wahnsinnsdosis ist. Doch wir erzielten hervorragende Ergebnisse. Eine andere Frage ist, wie man diese Werte auf einen Menschen umlegt. Diese rechnet man nicht mit dem Verhältnis Milligramm pro Kilo. Es ist ein wenig schwieriger. Diese Daten muss man klinischen Studien bereitstellen, von denen schon einige gemacht worden sind. Aber es braucht weitere, größer ausgelegte, um den Effekt beim Menschen zu belegen. Denn es muss nicht sein, dass das, was bei Mäusen wirkt, zwangsläufig auch beim Menschen wirkt.

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Hanf Magazin: Wann sehen Sie am Horizont eine mögliche Behandlung mit THC für Menschen, auch auf Basis Ihrer Forschungen an der Universität?

Guillermo Velasco Díez: Bis heute hat es sehr wenige, klinische Studien zu Cannabinoiden gegeben, die sich der Wirkung von diesen auf Tumore und das Krebswachstum gewidmet haben. Es gibt zahllose Studien zu CBD und THC und den therapeutischen Wert in vielen anderen Pathologien. Aber auch was THC und CBD zur Steigerung der Lebensqualität und Linderung der Beschwerden von Krebskranken leisten kann, wie die Reduzierung des Leidens, das Krebspatienten durch etwa chronischen Schmerzen haben. Aber zu THC als Anti-Tumorwirkstoff, dazu gab es in Spanien eine Kleinststudie vor etwa zehn Jahren, mit lediglich neun Patienten. Man setzte nur THC ein, eben bei am Glioblastom Leidenden, denen der Tumor entfernt worden war, aber wieder nachgewachsen war. Diese Mini-Sample gab Ergebnisse, die Grund zur Hoffnung gaben.

Aber man kann natürlich von derart wenigen Patienten keine Schlüsse auf die Gesamtheit ziehen. Erst unlängst führte man eine weitere klinische Studie in England durch, mit dem Präparat Sativex, das THC und CBD enthält, gemeinsam mit dem Wirkstoff Temozolomid. Wieder mit Glioblastom-Patienten, denen der chirurgisch entfernte Tumor nachwächst. Die exakten Daten liegen noch nicht vor. Einzig eine Presseaussendung des Pharmakonzerns, der Sativex herstellt, GW Pharmaceuticals. Es scheint, als hätte auch diese einen positiven Effekt belegen können. Etwa eine höhere Überlebensrate pro Jahr in jener Gruppe, welche die Sativex-Kombination verwendete, anstatt des Placebos und Temozolomid. Das kann man als ersten Schritt sehen.

Hanf Magazin: Woran hapert es, dass diese nicht und nicht auf Schiene gebracht werden?

Guillermo Velasco Díez: Man muss weitere Studien machen, denn auch der jüngste klinische Test war nur Phase-2, wie man es nennt, mit etwa 20 Patienten. Es ist folglich nur eine weitere Kleinstudie, die wertvolle Hinweise geben kann. Aber um wirkliche Schlussfolgerungen ziehen zu können, bedarf es Versuche der Phase-2 mit weitaus mehr Patienten. Das benötigt mehr Zeit und auch weit mehr finanzielle Mittel. Wenn wir nun realistisch sind, wird es im Falle, dass alle Studien, die folgen positive Ergebnisse liefern, noch mindestens fünf bis sechs Jahre dauern, bis auch die Medikamenten-Regulierungsbehörden einmal darauf basierend die Zulassung von THC und CBD zu erlauben. Was aber nur für diese konkrete Krebsform gilt, das Glioblastom.

Hanf Magazin: Was bedeutet dies für andere Krebsarten?

Guillermo Velasco Díez: Für jeden weiteren Tumortyp, den man mit THC behandeln will, braucht es freilich dasselbe Prozedere. Eben, um zu belegen, dass THC auch bei Melanomen oder Bauchspeicheldrüsenkrebs diese Wirkung erzielt. Hinzu kommt, dass in diesen Studien eine Kombination aus Anti-Tumor-Medikamenten und THC klinisch getestet werden und eine jede Behandlungsvariante separat untersucht werden muss. Wir müssen hier noch viel mehr Geduld haben.

Hanf Magazin: Warum haben Sie sich auf das Glioblastom konzentriert?

Guillermo Velasco Díez: Dieser Hirntumor ist ein außerordentlich aggressiver, für den es nicht wirklich eine Behandlung gibt. Das, was man gegen den Krebs aktuell unternimmt, erhöht nicht wirklich die Lebenserwartung. Maximal um einige Wochen oder gar Monate, bestenfalls maximal ein Jahr. Unsere ersten Studien mit Cannabinoiden haben wir an abgeleiteten Krebszellen dieses Typs im Labor unternommen. Das erste Modell entstand hier. Darin fußt unsere Motivation. Es ist auch einfacher, zu Tumorarten in diesem Feld zu forschen, für die es keine etablierte Behandlungsmethode gibt, als andere Formen von Krebs, wo eine solche existiert. Weil eine Alternative, wie mit THC, von der Fachwelt leichter angenommen wird. Da es ohnehin bisher nichts gibt. Das Glioblastom ist dafür prädestiniert. Und auch unsere vorklinischen Studien weisen uns in eine vielversprechende Richtung, was sich auch in der Finanzierung der Forschung zeigt.

Hanf Magazin: Haben Sie an Ihrem Institut auch andere Krebsarten und die Effekte einer Behandlung mit THC untersucht?

Guillermo Velasco Díez: Auf vorklinischen Studienniveau haben wir mit Pankreas- und Leberkrebszellen gearbeitet. Ein anderes Team an unserem Institut widmet sich Brustkrebszellen und Cannabinoiden und auch mit dem Melanom. Wir haben hier gute Ergebnisse in all jenen Bereichen. Doch unser Hauptanliegen ist die Glioblastom-Forschung, wo wir eben mit der Non-Profit-Organisation „Medical Bike Tour“ versuchen die Mittel für eine große, klinische Studie über Spenden zu bekommen. Gemeinsam mit dem Onkologischen Institut (CNIO) in Madrid und weiteren Partnern.

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Dieser soll komplementär zur anderen bereits erwähnten Studie verlaufen, aber ‚in der ersten Reihe‘, sprich mit Patienten, denen man eben erst ein Glioblastom diagnostiziert hat. Potenzial existiert für THC und die Forschung auch bei anderen sehr resistente Krebsarten, wie einige Formen von Brustkrebs, Leber- und Pankreaskrebs und bestimmten, aggressiven Melanomen.

Hanf Magazin: Dafür fehlt es nicht an Know-how, sondern an Kapazitäten …

Guillermo Velasco Díez: … dafür muss jemand die Initiative ergreifen, und mit den Daten der vorklinischen Studien auch auf die Produzenten der gängigen Krebsmedikamente zugehen, auf dass diese in ihrer Wirkung mit THC in klinischen Versuchen getestet werden. Am aktuell noch wahrscheinlichsten erscheint mir hier die THC-Forschung an Brustkrebs. Denn hier hat die Gruppe an unserem Institut THC in Kombination mit gängigen Medikamenten getestet, und ich denke, die bisherigen Ergebnisse sind gut.

Das braucht aber Mittel und Ärzte sowie vor allem die Pharma-Unternehmen, die sich in die Forschung finanziell einklinken müssen. Wir sind Grundlagenforscher und können Ergebnisse liefern. Wir betreiben aber keine klinischen Studien. Wir sind, wenn man so will, etwa wie ‚Katalysatoren‘, wir liefern gefilterte, valide Daten, die für die weitere Forschung am Menschen als Basis und Anreiz dienen.

Hanf Magazin: Gab es Widerstände, die Sie in Ihrer Forschung mit THC überwinden mussten? Wie war das Feedback der Forscherkollegen?

Guillermo Velasco Díez: Ganz ehrlich, ich glaube nicht, zusätzliche Widerstände wegen der Forschung an einem Cannabis-Wirkstoff wahrgenommen zu haben. Wir wurden jetzt nicht kritisch beäugt, weil wir mit THC forschen. In der Welt der Wissenschaft ist man pragmatischer. Es dreht sich um die Ergebnisse, die man vorweisen kann. Unsere werden hier generell als hochinteressant unter Kollegen und darüber hinaus eingestuft. Auch zusätzliche Mauern gab es keine, weder um an Forschungsförderung zu gelangen noch, dass unsere wissenschaftlichen Artikel Eingang in den wichtigen Fachjournalen finden.

Das Problem liegt meiner Meinung nach in der gesellschaftlichen Akzeptanz von Cannabis, auf dass dessen Inhaltsstoffe als Medizin verwendet werden darf und kann. Denn selbst die Regulierungsbehörden sind hier längst offener und weitsichtiger aus unserer Sicht. Solange man die Garantien bieten kann, wird man die Studien auf klinischer Ebene benötigen. Zumindest hier in Spanien werden wir wie alle anderen Forschungsfelder gleich behandelt.

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Hanf Magazin: Ist das Endocannabinoidsystem, die körpereigenen Cannabinoide, auch Teil Ihrer Forschungen?

Guillermo Velasco Díez: Es gibt hier einen gänzlich neuen Ansatz in der pharmakologischen Forschung, und sehr viele Hypothesen, wo es darum geht, die körpereigenen Cannabinoide mittels sogenannter Hemmer zu regulieren, ohne Einnahme von pflanzlichen oder synthetischen Cannabinoiden. Dabei spielt man mit der Konzentration jener Stoffe, was Funktionen haben kann. Wir haben nie mit Inhibitoren auf dieser Ebene gearbeitet, denn wir sehen sehr klar, dass wir mit THC die Effekte erzielen, die wir suchen, wofür es keine solcher Hemmstoffe benötigt. In der Krebsforschung ist die krebshemmende Wirkung von THC geklärt.

Die Rezeptoren der Zellen reagieren auf das THC. Das Endocannabinoidsystem ist aber definitiv ein Forschungsfeld, das von großem Interesse und vielversprechend ist. Dass aktuell jedoch einen Dämpfer zu verdauen hat, da es zuletzt vor ein bis zwei Jahren im Rahmen einer Studie in Frankreich einen Todesfall eines Probanden gegeben hat, der einen Hemmer für das Endocannabinoidsystem eingenommen hatte.

Hanf Magazin: Wie sehen Sie die Fülle an Internet-Posts zu Cannabis und Krebs, die falsche Hoffnungen wecken könnten, gerade bei Patienten, die die Hoffnung verloren haben?

Guillermo Velasco Díez: Im Internet verbreitet sich alles wie ein Lauffeuer. Aber es ist ein komplexes Thema, denn anekdotische Fälle gibt es, wo Patienten mittels Cannabis angeblich geheilt worden sind. Aus wissenschaftlicher Sicht oder aus ärztlicher Sicht hat das keinen Wert. Davon kann man nicht auf andere Patienten schließen. Denn eine Heilung hängt von vielen Faktoren ab. Das mögen andere Medikamente sein, Ernährung, die Charakteristiken des Tumors, nebst vielen. Das weiß man nicht. Aber ich bin auch kein Arzt. Ich kann nur immer und immer wieder sagen, dass wir ausgezeichnete Ergebnisse auf vorklinischen Level haben. Man muss sich aber auch in die Patienten hineinversetzen.

Jene, denen Ärzte den nahen Tod in Aussicht stellen, für die es keine Behandlung gibt. Sie klammern sich an alles, was helfen könnte. Sicher ist, Marihuana ist überhaupt nichts Schlimmes. Wenn man Cannabinoide oder Cannabis-Extrakte zu sich nimmt, hat es keine schädliche Wirkung. Leider gibt es auch eine Art Mafia, die allen weiß macht, es heilt, es heilt sicher. Und die sich auf Kosten der meist terminalen Patienten auch noch massiv bereichert. Wenn ein Krebspatient Cannabis konsumiert, sollte dies ein informierter Konsum sein. Bestenfalls unter ärztlicher Aufsicht, der ihn berät. Auch darüber aufklärt, dass es eine Behandlungsform ist, die klinisch nicht belegt ist. Ich bin mir zwar sicher, dass THC diese antitumorale Wirkung hat, sonst würde ich nicht hier daran forschen. Aber dass ich davon überzeugt bin und dass es in Mäusen funktioniert, heißt nicht, dass es bei allen Patienten dieselbe Wirkung zeigt. Man muss hier vorsichtig sein.

Hanf Magazin: Würden Sie im Falle einer hoffentlich niemals eintretenden Krebserkrankung selbst Cannabis konsumieren?

Guillermo Velasco Díez: Wenn ich mich in diese Patienten hineinversetze, ganz empathisch, denke ich, ich würde auch Cannabis konsumieren. Dann hätte ich ja zumindest nichts dabei zu verlieren. Ich suche auch nicht, jene Menschen anzuschuldigen, nur weil sie nach alternativen Methoden der Behandlung Ausschau halten. Doch eine solche sollte möglichst mit medizinischer Hilfe reguliert sein. Möglich, dass es funktioniert. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein.

Ich rate allen immer, die mich hierzu fragen zu Folgendem: Auf keinen Fall sollten sie mit der regulären Behandlung, wie es Chemotherapie ist, aufhören und nur Cannabis konsumieren, sondern beides kombinieren. Im besten Fall sind die Ergebnisse besser, andernfalls hat man zumindest keinen zusätzlichen Schaden daraus gezogen. Ärzte müssen analysieren, ob es Sinn ergibt, und was auch wichtig ist. Sie können die Dosis bestimmen, die an THC-Extrakt, CBD oder dem pflanzlichen Cannabis benötigt wird. Aber auf keinen Fall sollte man eine Behandlung aufgeben, die bereits seine Wirksamkeit belegt hat, für eine, deren klinisch-bewiesene Wirkung noch ausstehend ist.

Zur Person: Guillermo Velasco

Der spanische Universitätsprofessor, Molekularbiologe und Krebsforscher Guillermo Velasco Díez (*1970, in Madrid) gilt als eine Referenz in der Forschung zu Cannabinoiden, allen voran THC, und dessen krebshemmende und Krebszellen tötende Wirkung auf Tumorzellen – wie dem besonders aggressiven Hirntumor Glioblastom. Velasco studierte Biologie und verfasste seine Dissertation unter seinem renommierten Doktorvater Dr. Manuel Guzman Pastor. Nach einem Auslandsforschungs-Post-Doc in Dundee (Schottland) kehrte er 1999 nach Madrid zurück, wo er seit 2001 in der Forschungsgruppe Cannabinoide an der Universität Complutense von Madrid (UCM) tätig ist, gemeinsam mit Guzman. Ziel ist es, den Weg zu ebnen, mittels Grundlagenforschung, für eine großangelegte klinische Studie an Patienten und der Einsatz von THC in der Krebsbehandlung. Eine, die dringend notwendig ist, davon ist Velasco überzeugt, denn der Molekularbiologe und seine Kollegen erachten in zahlreichen Publikationen in Fachjournalen als im Tierversuch bewiesen, dass THC zum Zelltod der Tumorzelle führt (Apoptose), durch Selbstverdauung (Autophagie) sowie die Störung der Krebszellen eigenen Stoffwechsels und die Hemmung der Blutgefäßneubildung, was das Wachstum der malignen Tumorzellen bremsen und die Ausbreitung innerhalb des Körpers (Metastasierung) verhindert. Velasco hat hierzu mehr als 80 wissenschaftliche Fachartikel in den wichtigsten Journals publiziert. In seiner Freizeit widmet sich Velasco seinen größten Hobbys, dem Reisen, Fahrrad fahren und Schwimmen.

Webtipps

Medizinische Studien & Fallbeispiele finden sich auf der Website der IACM, dem Internationalen Verband für Cannabis in der Medizin: https://web.archive.org/web/2024/http://www.cannabis-med.org

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